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Wie jedes Jahr veröffentlichen wir den Jahresbericht des Projekt Verein e.V., dem Trägerverein des Conne Island. Wir wollen so inhaltliche Diskussionen transparent machen. Form und Inhalt bestimmen sich auch über seinen Zweck der Repräsentanz nach außen.
dokumentation, 1.1k

Jahresbericht 2007
des Projekt Verein


Chinesische Banknote, 58.8k

Das Jahr 2007 war für das soziokulturelle Zentrum Conne Island und seinen Trägerverein, den Projekt Verein e.V., ein gutes – zumindest in der Hinsicht der Schärfung der eigenen Konturen, der inhaltlichen und kulturellen Präzisierung des Veranstaltungsprogramms und der eigenen Weiterentwicklung z.B. in Bezug auf bildungspolitische Aufgaben. Nicht zufriedenstellend ist die fehlende perspektivische finanzielle und strukturelle Absicherung des Vereins jenseits der eigenen Erwirtschaftung von Mitteln. Die seit fast 15 Jahren bestehenden Rahmenverträge mit dem Leipziger Kulturamt und damit die Sockelfinanzierung des Vereins liefen Ende des Jahres aus, eine Neuauflage steht in Aussicht und gleichzeitig – nicht zuletzt aufgrund der finanziellen Situation der Kommune – auf wackligen Füßen. Ein Zustand der Unsicherheit, der über das interimsmäßige Jahr 2008 hinaus kaum zu überbrücken ist.

Im Reader zum 15-jährigen Bestehen des Vereins konstatiert das Conne Island rückblickend zwei Pfeiler, die sich durch die Geschichte des Projektes ziehen und die sich bis heute tief im „Gedächtnis" des Conne Island festgesetzt haben. Dies ist zum Einen die Idee der kulturellen Intervention durch das Modell „Subkultur": Eine Etablierung emanzipatorischer jugendkultureller Ansätze, eine auf Abgrenzungsmechanismen basierende und gelebte „Systemfeindschaft" gegen den kulturindustriellen Massengeschmack und eine bisweilen zelebrierte Dissidenz. Das ist zum Zweiten das Modell, den Kultursektor als Resonanzraum für politische Artikulation zu nutzen: Hier Kultur nicht nur ihrer selbst willen zu veranstalten, sondern ganz bewusst auch als Sprachrohr für Gesellschaftskritik und jugendkulturelle Protestform zu nutzen. Der gerade Anfang der 90er Jahre in vielen Teilen Deutschlands grassierende Rassismus und die alltägliche Notwendigkeit, „sein Projekt" gegen Übergriffe von Nazis zu verteidigen, verwurzelte im Conne Island einen Standard, der bis heute als „antifaschistischer Grundkonsens" bezeichnet wird. Politisieren hieß in diesem Zusammenhang auch immer Positionieren: Das Conne Island hat zu unzähligen kulturpolitischen, kommunalen und szenespezifischen Ereignissen Stellung bezogen, bisweilen polarisiert, bisweilen viele Entwicklungen ins Rollen gebracht. 2007 hat sich diese Grundkonstante, die sich am besten mit dem Begriff der Conne Island-Identität beschreiben lässt, erneuert bewährt. Die zunehmende Bedrohung durch Nazis, die derzeit in Leipzig ein gerne gemisstes Revival erfährt, und die gleichzeitige Zunahme von antisemitischen, rassistischen und obrigkeitsstaatlichen Denkmustern und Handlungen in allen sozialen Schichten hat diesen Grundkonsens aufs Neue gefestigt. Politische Initiativen und Einzelpersonen, engagierte Gruppen und Netzwerke gegen rassistische und antisemitische Entwicklungen und Bedrohungen arbeiteten 2007 eng mit dem Verein zusammen. Klassische Jugendkultur- und Bildungsarbeit – wie das von der Aktion Mensch unterstützte Projekt Represent! Reflect! Act!, das sich mit dem Verhältnis von Antisemitismus und Rassismus auseinandersetzt – gehen Hand in Hand mit gesellschaftlichem Engagement. Umso entsetzter ist der Projekt Verein angesichts derzeitiger öffentlicher und politischer Diskurse, in denen Antifaschismus, aufgehend in extremismustheoretischen Überlegungen, entgegen aller aktueller Analysen zur Entstehung antidemokratischem Verhaltens und Denkens diskreditiert und kriminalisiert werden soll.

Chinesische Banknote, 82.0k

Kulturelles und kulturpolitisches Veranstaltungsspektrum

Bei aller notwendigen Kritik am Modell Popkultur und seiner kulturindustriellen Rahmung versteht sich das Conne Island immer noch – seit ein, zwei Jahren vielleicht auch, bedingt durch einen personellen Generationswechsel, unter neuen Vorzeichen – als ein Projekt für jugendliche Musik-, Pop- und Subkulturen. Das Conne Island wollte nie bloßer Veranstaltungsort und Platz zum Konsumieren sein. Politische und die Gesellschaft reflektierende Diskussionen waren und sind immer Bestandteil, Gradmesser und Auswahlkriterium für die von uns veranstalteten Konzerte und Events.

Die Ambivalenz, ein permanenter Kritiker des eigenen kulturellen Tuns zu sein, löst nicht selten Konflikte und Spannungen aus, deren Bewältigung aber in der Regel produktiven Charakter trägt.

Mit dem tradierte Geschlechterrollen in der Popkultur thematisierenden Festival „Amplify! gender.text.pop" unternahm der Verein einen neuen Anlauf, um auf die Schieflage der Geschlechter im Musikbusiness aufmerksam zu machen. Zum Einen spielte hier das Dilemma eine Rolle, dass in der Musikindustrie teilweise strukturell so traditionelle Geschlechterverhältnisse herrschen wie „in einer KFZ-Meisterinnung", zum Anderen wurden Homophobie, Sexismus und Männerdominanz in verschiedenen Jugendsubkulturen thematisiert. In Veranstaltungen diskutierten KünstlerInnen, KulturveranstalterInnen und PublizistInnen u.a. über den antiemanzipatorischen Backlash im Hip Hop oder über die Frage nach Quotierungen in der Auswahl der KünstlerInnen, die die eigene Bühne betreten. Ein Nachfolgeprojekt von Amplify! ist das 2008 bei der Kulturstiftung Sachsen beantragte Aufbauprojekt Equalize!, das ganz spezifisch jungen Frauen und Mädchen die Möglichkeit geben soll, in unreglementierten Räumen Musik zu machen.

Als explizites und prononciert agierendes Zentrum für jugend- und popkulturelle Aktivitäten und für die Förderung zeitgemäßer urbaner Musikkulturen ist das Conne Island aus der bundesdeutschen Veranstalterlandschaft nicht wegzudenken. Dass renommierte „Stars" wie Fettes Brot u.a. im Conne Island spielen wollen, weil sie hier die kulturelle Authentizität vorfinden, bebildert diesen Beitrag zur attraktiven Außenwirkung der Stadt. Insgesamt 129.000 Gäste konnte das Conne Island 2007 verzeichnen.

In den meisten jugend- und popkulturellen Szenen genießt das Conne Island – sowohl personell als auch strukturell – überregional, teilweise bundesweit und international einen exzellenten Ruf: Nicht nur als Veranstaltungsort, sondern in erster Linie als sachkundiger und authentischer Kenner von Jugendszenen. Das Conne Island ist einer der wenigen Veranstaltungsorte, der regelmäßig szenespezifische – letztlich gesellschaftliche – Probleme (z.B. Antisemitismus und Antiamerikanismus in der Punkbewegung, Sexismus und Homophobie im Reggae und Hip Hop, Übernahme von jugendkulturellen Codes der Hardcore-Bewegung durch Nazis) thematisiert, öffentlich transparent macht und deren Lösungen und Ergebnisse auch in den Veranstaltungsalltag integriert. Dass der Verein mit diesem Modell, das bisweilen Probleme in der Vermittlungsarbeit besitzt, aneckt, liegt wohl in der Natur der Sache.

2007 fanden im Conne Island so viele Konzerte und Veranstaltungen statt wie noch nie. Die Hip Hop-Stars von De La Soul, die Hardcore-Legende Gorilla Biscuits, die Indiepopper von Whitest Boy Alive oder die Berliner Punkband Beatsteaks waren einige, die das Conne Island aus allen Nähten platzen ließen. Das internationale Skinhead Festival Oi! The Meeting fand nach zweijähriger Pause wieder im Conne Island statt. Die Hamburger Hip Hopper von Fettes Brot spielten im Dezember ein Geheimkonzert als Bette Frost.

Die Genre Postpunk/Indiepop und Techno/House/Minimal können 2007 klar als innovative Zugpferde neben den gestandenen subkulturellen Sparten benannt werden. Nicht zuletzt aufgrund personeller neuer Wege und neuen Kooperationen konnte der Verein gerade hier punkten. Dass im Conne Island Bands wie Sophia, Telefon Tel Aviv, Battles und Acts wie Miss Kittin oder Skream auftraten ist dieser Weiterentwicklung geschuldet.

Mit den „Cafe-Konzerten" wurde 2007 die Möglichkeit geschaffen, in einer intimen und familiären Atmosphäre auch kleinen, innovativen Bands einen Auftrittsrahmen zu geben.

Während insbesondere das Modell „Subkultur" heute einen eher ambivalenten Status hat – der Distinktionsgewinn und die Dissidenz verkommen in der Regel zur hohlen Phrase und sind kulturindustriell mit ihrer Entstehung im Mainstream integriert – sieht sich der Verein nach wie vor als politisches Projekt, das sich satzungsgemäß „gegen Faschismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit" engagiert, jugendkulturelle Bildung betreibt und z.B. durch die Kritik an tradierten Geschlechterrollen für eine „soziale und politische Emanzipation" eintritt. Hier agiert der Verein durchaus tagesaktuell, indem er gesellschaftliche Missstände mit der Intention, „junge, selbstbewusste und kritische Individuen" zu fördern, kontextualisiert und nachvollziehbar macht. Den seit dem 11. September 2001 zunehmenden Antisemitismus hat das Conne Island – oder sein Umfeld – gerade in den letzten fünf Jahren immer wieder thematisiert. Darüber hinaus betreibt der Verein seit Jahren dahingehend langfristige und nachhaltige Arbeit, dass er gerade jugendlichen Initiativen gegen Nazis Raum, Struktur und Know-How für gesellschaftliches Engagement anbietet. Gesellschaftliche Widersprüche hat das Conne Island nie ausgeklammert. Eine Entwicklung lässt sich dahingehend konstatieren, dass sich hier durchaus spezialisiert wurde – dass das Conne Island letztlich als Experte und Spezialist auftritt, wenn es um rechte Codes, Antisemitismus in Jugendkulturen oder „No Go Areas in ländlichen Gebieten" geht. Hier besitzt der Verein zunehmend auch die Funktion als Multiplikator innerhalb eines bildungspolitischen Rahmens, bietet Seminare an, kooperiert mit zivilgesellschaftlichen Institutionen (PoKuBi, Professur für Medienpädagogik, diverse Stiftungen, internationale Medienvertreter). Aktuelle Studien zu rechten Einstellungen wie Vom Rand zur Mitte von Elmar Brähler und Oliver Decker, Grenzen lokaler Demokratie von Christian Schmidt und Doris Liebscher oder die Untersuchungen von Wilhelm Heitmeyer, die in der Reihe Deutsche Zustände seit 2001 erscheinen, bestätigen die vom Conne Island seit jeher formulierte Kritik an den kommunalen und bundesweiten Strategien gegen Rechts.

Lesungen, Referate, Podien und Diskussionsveranstaltungen waren daher 2007 nicht nur „inhaltliches" Rahmenprogramm, sondern prägten das (kultur)politische Umfeld des Vereins nachhaltig. Zusammen mit verschiedenen KooperationspartnerInnen – u.a dem Stura, dem Bündnis gegen Antisemitismus, der Galerie für zeitgenössische Kunst (GfzK), verschiedenen Stiftungen, unterschiedlichsten Gruppen – veranstaltete das Conne Island unter präzisen Fragestellungen fast 40 Diskussionen, deren Anliegen es war, insbesondere Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Reflexion aktueller gesellschaftlicher Debatten zu erleichtern.

So referierte u.a. Christina Kaindl von der TU Berlin zu „Globalisierungskritik von Rechts", Gerhard Scheit aus Wien im Rahmen der Buchmesse über Islamismus, Nationalsozialismus und Staatlichkeit, Stephan Grigat über die heutige Wirkung der „Situationistischen Internationale", die PublizistInnen Hannes Loh und Sonja Eismann über Homophobie im deutschen Hip Hop oder der Historiker Jörg Kronauer über die Debatte um das „Zentrum gegen Vertreibung". Die Filmvorführung „Dann fangen wir von vorne an" und anschließende Diskussion mit dem Überlebenden der Shoa und Widerstandskämpfer Theodor Bergmann war eines der Highlights 2007.

Mit dem von der Kulturstiftung Sachsen geförderten Projektidee KulturDisplace thematisierte das Conne Island genre- und projektübergreifend die zunehmende ordnungspolitische Reglementierung jugend- und subkultureller Aktivitäten im öffentlichen Raum. Nicht zuletzt aus einem eigenen Interesse – das Conne Island hatte in den letzten Jahren immer öfter unter diesen Entwicklungen zu leiden – verstand sich KulturDisplace auch als ein Akt „praktischer Intervention". Zusammen mit der Künstlergruppe niko.31 und der GfzK wurden neben der Platzierung von 3.000 Pizzakartons samt interaktiver Handlungsanleitung im Leipziger Stadtbild vor allem die Erstellung eines Readers und die Durchführung einer Veranstaltungsreihe zu verschiedenen sozialen Konstruktionen von „Raum", Gentrification-Modellen und dem Verhältnis von Kultur und Ökonomie dazu genutzt, um auf das derzeitige Dilemma kultureller Repräsentation hinzuweisen.

Die Redaktion des Conne Island Newsflyers CEE IEH konstituierte sich Anfang 2007 neu. Der frische Wind tat dem Monatsheft durchaus gut. Nach wie vor arbeitet die Redaktion als unabhängige Instanz und spielt eine große Rolle bei der kritischen inhaltlichen Begleitung des Conne Islands. Das CEE IEH gewährleistet darüber hinaus die notwendige Transparenz des Vereins und seines breiten Umfeldes nach Außen.

Als kleiner Bruder des Newsflyers und mit ähnlicher Konzeption hat sich das hauseigene Radio Island aus dem Schatten des CEE IEHs schon lange herausgewagt. Die monatliche Radiosendung läuft regelmäßig auf dem BürgerInneradio Radio Blau und wird darüber hinaus beim Hamburger FSK, dem Radio Corax aus Halle und als Stream im Internet ausgestrahlt. Zuletzt arbeitete das Radio Island auch bildungspolitisch: Zusammen mit dem Antidiskriminierungsbüro Sachsen wurde ein Radioworkshop für Jugendliche durchgeführt.

Chinesische Banknote, 88.5k

Angebote und Erweiterungschancen des offenen Treffs

Durch strukturelle Veränderungen, die Einbindung neuer und jüngerer Leute auch in Verantwortungsbereiche und daraus resultierende Erweiterungen im kulturellen Angebot des Conne Island in den letzten 15 Jahren wurde die Veranstaltungsdichte deutlich erhöht. So entwickelte sich das Soziokulturelle Zentrum von einem typischen „Szeneladen" für Hardcore und Punk zu einem Kulturmagnet in allen Sparten und einem bundesweiten Treffpunkt für verschiedenste Jugend-, Pop- und Subkulturen.

Die Veranstaltungszahlen haben sich in den letzten 15 Jahren fast verdreifacht. Die jährlich durchschnittliche Zahl an Veranstaltungen aus allen Bereichen, einschließlich Lesungen, Diskussionsveranstaltungen und den niederschwelligen kulturellen Angeboten, stieg von 60 Veranstaltungen auf ca. 160 Veranstaltungen im Jahr (mit Kursen und Workshops 260).

Erstmals öffnete sich das Conne Island 2007 auch einem cineastischen Publikum. Zusammen mit der Cinématheque – dem alternativen Programmkino in Leipzig – organisierte das Conne Island auf dem Freigelände des Vereins ein regelmäßiges Sommerkino.

Neben kulturellen Angeboten bietet das Conne Island weitere Möglichkeiten zur sinnvollen Freizeitgestaltung und Bildung.

Seit 1992 werden ein Outdoor-Skatepark und eine Indoor-Miniramp zur kostenfreien Nutzung zur Verfügung gestellt. In Zusammenarbeit mit dem Urban Souls e.V. konnten nicht nur die Anlagen befahrbar gehalten werden, sondern erfreuen sich regem Zuspruch in allen Altersklassen So bestätigen stetig steigende NutzerInnenzahlen die Arbeit des Conne Island. In der Jahreshälfte von April bis September sind täglich ca. 50-100 SkaterInnen auf den Anlagen zu verzeichnen. In den Ferienmonaten steigt diese Zahl noch einmal beträchtlich. Seit 2005 werden Skateboardkurse für Mädchen und junge Frauen angeboten, die sich einer hohen Nachfrage erfreuen. Der obligatorische Little-Sista-Skatecup zog auch 2007 an die 1.000 BesucherInnen.

Andere Möglichkeiten – Tischtennis, Volleyball, Basketball und Tischfussball sowie Kurse zur Selbstverteidigung – stehen den BesucherInnen ganzwöchentlich zur Verfügung und werden durchschnittlich von 30 BesucherInnen täglich genutzt.

Die „Angebotspalette" des Conne Island umfasst neben Computer- und Layoutkursen auch Kurse zu Internetrecherche und audiovisueller Verarbeitung. Ferner gibt es in der Einrichtung einen Infoladen mit einer Bücher- und Zeitschriftenbibliothek und Medienbibliothek, die sich u.a auf sog. „Graue Literatur" spezialisiert hat. Die Nutzung der mehr als 10.000 Titel ist ebenfalls kostenlos.

Insbesondere in den letzten drei Jahren sind ehemalige MitarbeiterInnen und NutzerInnen des Conne Islands und jugendliche BewohnerInnen des Viertels Eltern geworden. Junge Familien prägen zunehmend auch das Bild des Conne Islands. Unter der besonderen Berücksichtigung, dass hier die kommende Generation das soziokulturelle Zentrum für sich nutzt – und gleichzeitig für die Jüngsten wie auch „Berufsjugendliche" attraktiv ist – gewinnen die Angebote des Vereins eine ganz neue „generationsübergreifende" Perspektive. Nicht zuletzt deshalb ist uns die Erneuerung des quasi brachliegenden Kinderspielplatzes ein ganz spezielles Anliegen.

Rahmenverträge und finanzielle Spielräume

Auch wenn 2007 weitaus weniger finanzielle Risiken und Engpässe für den Verein bedeutete als im Jahr zuvor – Hintergrund ist auch hier ein permanentes „Auf Nummer sicher gehen" und die bisweilen zentrale Stellung von klassisch kommerziellen Aspekten – muss an dieser Stelle noch mal dezidiert darauf verwiesen werden, dass das Conne Island keine Spielräume mehr besitzt, um Kürzungen und Stagnierungen im Förderbereich zu kompensieren. Sowohl der bauliche Zustand der Immobilie als auch der nicht mehr zu steigernde Grad der Selbstausbeutung der ehrenamtlichen wie angestellten MitarbeiterInnen illustrieren die prekäre Situation des Vereins.

Die Funktionsweise des Vereins, seine extrem hohe ehrenamtliche Struktur, kennzeichnet das Projekt Conne Islands maßgeblich. Die freiwillige Teilnahme und der Wunsch nach aktiver Mitgestaltung der Vereinsmitglieder und des Vereinsumfelds ist das Herzstück des Conne Island. Mit ihm steht und fällt die Struktur für viele Arbeitsbereiche und die Garantie für das hohe Maß an qualitativ guten Veranstaltungen.

Der Veränderung insbesondere von sozialpolitischen Grundlagen – für Arbeitslose, StudentInnen, Auszubildende usw. – hat diese Struktur in den letzten 4-5 Jahren auf eine harte Probe gestellt. Die ökonomischen Zwänge eines jeden Einzelnen, Perspektivangst und die soziale wie finanzielle Absicherung der eigenen Zukunft spielen zunehmend eine große Rolle. Die Prekarisierung gesellschaftlicher Arbeitsverhältnisse, die Umstellung des Bildungssystems und nicht zuletzt Hartz IV sind bekannte Beispiele für diese Entwicklung. Freizeitaktivitäten, ehrenamtliches Engagement und Idealismus werden automatisch zurückgestellt. Zwar stieg der Zahl der Vereinsmitglieder auf derzeit 145 (zzgl. eines nicht im Verein assoziierten Umfeldes), das individuelle Zeitkontingent eines/einer jeden hat sich dafür drastisch vermindert. Dieses Dilemma hat auch zur Folge, dass der Verein Abstriche in seiner Kulturarbeit machen muss, Projekte nicht oder nur in abgespeckter Form verwirklichen kann. Spürbare Folge ist auch, dass die „Selbstausbeutung" aller Beteiligten, hier aber insbesondere der Angestellten, von Jahr zu Jahr höher wird und den grenzwertigen Bereich überschreitet.

Die zwar leicht rückläufige, trotzdem stabile Bezuschussung durch die institutionelle Förderung des Kulturamtes der Stadt Leipzig kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Steigerung aller Kosten (Personal-, Betriebs-, Verwaltungskosten, Steuern, Mieten usw.) keinen Spielraum mehr für kulturelle Innovationen lässt. Hier würde sich eine Verschärfung der Situation – beispielsweise durch die Infragestellung des Rahmenvertragsmodells, das sowohl strukturell wie personell den Grundsockel für eine mittelfristige Akquise und Eigenerwirtschaftung von Finanzmitteln sichert – dramatische und existentielle Auswirkungen haben. Eine Angleichung der Personalkosten-Zuschüsse an annährend vergleichbare Tariflöhne ließ sich in den letzten Jahren nicht realisieren.

Der real erwirtschaftete Eigenanteil am Jahreshaushalt des Conne Island beträgt momentan fast 85 Prozent. Diese Zahl suggeriert bisweilen, dass der Verein auch „gänzlich auf eigenen Füßen stehen könne". Dem ist nicht so – die Sockelfinanzierung des Kulturamtes verdient seinen Namen und bildet, wie es der Begriff auch ausdrückt, ein existentielles wirtschaftliches Fundament. Deutlich wird dies insbesondere dann, wenn man den 100-prozentigen Mietkostenzuschuss und den anteiligen Betriebskostenzuschuss in seine Rechnungen einbezieht.

Der Erwerb von Drittmitteln war für den Verein nie einfach. Dies ist zum Einen mit der Prämissensetzung des Vereins zu erklären, in erster Linie sub- und jugendkulturelle Ansätze zu verwirklichen und zu fördern. Dies liegt zum Anderen aber sicherlich auch an der dezidierten kulturpolitischen Ausrichtung des Vereins.

Dass sich das Conne Island in diesem Zustand permanenter prekärer Verhältnisse in guter Gesellschaft befindet, ist an dieser Stelle nur ein schwacher Trost. Die Freie Szene Leipzigs – seien es die institutionalisierten Zentren als „Stützpunkte" oder die vielen Projekte und Initiativen – arbeitete 2007 am Limit. Nicht zuletzt aus dieser Situation heraus engagierte sich das Conne Island sowohl mit der AG Soziokultur als auch mit der später reaktivierten Kampagne „Leipzig Plus Kultur" für eine fünfprozentige Erhöhung des Kulturetats der Freien Szene.

Wie wichtig die Anbindung einer Kultur- und Strukturförderung für das Conne Island an mittelfristige und zur Planungssicherheit beitragende Rahmenverträge ist, darauf hat der Verein bereits vielfach verwiesen. Das Leipziger Modell der Rahmenverträge für Soziokulturelle Zentren hat im Falle des Conne Island eine breite und funktionierende Struktursicherung – sowohl in Bezug auf inhaltliche Akzente als auch auf die Stabilität im Stadtteil – mit sich gebracht, die bei einer Nicht-Weiterführung des Modells auf dem Spiel steht.

Personalstruktur, Förderung und Generationswechsel

Der Projekt Verein e.V. arbeitet als gemeinnütziger Verein nicht in erster Linie nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung und ist daher schwer unter rein ökonomischen Prämissen greifbar. Die Anwendung des Effizienz-Begriffs auf ein soziokulturelles Zentrum ist daher immer in der Relation zu sehen, dass die bereits vorhandene sehr hohe Eigenwirtschaftskraft nicht unbegrenzt ausgedehnt werden kann. Die inhaltliche Arbeit kann nicht komplett betriebswirtschaftlichen Argumenten unterliegen.

Die Drittmittelakquise war 2007 höher als in den Vorjahren. Die Kulturstiftung Sachsen, das EU-Programm Jugend für Europa, die Aktion Mensch, die Rosa-Luxemburg-Stiftung und der StudentInnerat der Universität Leipzig förderten u.a. unterschiedliche Projekte des Vereins. Leider wurden zwei Anträge an den Fonds Soziokultur, eine Cofinanzierung durch das Länderprogramm Tolerantes Sachsen sowie das Projekt im Rahmen des Lokalen Aktionsplans (LAP) ablehnend beschieden.

Weiterhin wurde die Aufteilung der durch das Kulturamt finanzierten zwei Personalkostenstellen auf drei Vollstellen (Geschäftsführung, Buchhaltung, Booking) sowie zwei halbe Stellen (Öffentlichkeitsarbeit/ Layout) beibehalten. Zwei Vollstellen (Gastronomie-Leiter, Koch), ein geringfügig Beschäftigter (Beikoch), sowie ein Zivildienstleistender (unter Beteiligung des Bundesamtes für Zivildienst) wurden über den wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb des Vereins finanziert. Auf Basis dieses grundlegenden Personalstamms wird auch zukünftig die Einbindung des außergewöhnlich hohen ehrenamtlichen Engagements möglich sein.

Zum Jahresbeginn trat der neue Geschäftsführer sein Amt an. Seit Oktober 2007 ist turnusmäßig ein neuer Vorstand im Amt.

Seit September 2007 hat der Verein – nicht zuletzt um nachrückende Vereinsmitglieder besser zu integrieren, letztlich aber auch aufgrund des erhöhten Veranstaltungsaufkommens – eine zusätzliche halbe Stelle für den Bereich Booking/Pressebetreuung geschaffen.

Zur alljährlichen Klausur des Conne Islands im beschaulichen Kretzschau hat der Verein zwar kontrovers, letztlich aber gewinnbringend grundlegende personelle Strukturveränderungen diskutiert und vereinbart. Vor dem Hintergrund, als „authentisches Jugendzentrum" natürlich eine prinzipielle „Frische" und Offenheit ausstrahlen zu müssen und wollen, ist ein mittelfristiges Aufrücken junger, bisher ehrenamtlich engagierter Vereinsmitglieder in zentrale Bereiche des Conne Island eine wichtige Bedingung für eine ausgewogene Personalstruktur.

Ämterverhältnis

Der Verein schätzt nach wie vor das gute Verhältnis zum Kulturamt. Die vertrauensvolle und produktive Zusammenarbeit ist auch ein Garant für das Wirken des Conne Islands. Insbesondere als authentischer und jugendkultureller Partner ist das Conne Island Schnittstelle zwischen Kommune, Stadtteil und Szene.

Dass die 2007 ausgelaufenen Rahmenverträge keine anschließende Neuauflage fanden, empfindet der Verein als unglückliches Agieren. Die Rahmenverträge bilden das Grundgerüst und die langfristige Stabilität und Planungssicherheit für uns und alle Soziokulturellen Zentren. Die „Institutionalisierung und Identifizierung von Soziokulturellen Zentren in Bezug auf Interkulturalität und Teilhabe" ist – so auch die Enquete-Kommission des Bundestages zum Selbstverständnis von Soziokultur – eine Forderung an zukünftiges politisches Handeln. Die Kommune darf hier hinter die gesetzte Vorreiterrolle nicht zurückfallen. Ausgehend von der Ende 2007 stattgefunden „Analyse der Arbeit Soziokultureller Zentren" zusammen mit der Landesarbeitsgemeinschaft geht das Conne Island von einer unbedingten Neuauflage der Rahmenverträge aus.

Die sich bereits 2006 ankündigenden differenten Ansätze zu ordnungspolitischen Themen haben sich auch 2007 fortgesetzt. Das Verhältnis zum Ordnungsamt ist derzeit durch einen Streit über die Lautstärke von Veranstaltungen belastet.

Ein Hausdurchsuchungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Leipzig sorgte im September bei Vereinsmitgliedern und SympathisantInnen – nicht nur angesichts der Unverhältnismäßigkeit der Mittel – für Empörung und Unverständnis. Sowohl durch juristischen Widerspruch als auch durch öffentlichen Protest stellte der Verein die Absurdität des Beschlusses bloß.

Der Projekt Verein e.V. engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft Soziokultur und der AGFT der Jugendhilfe und schätzt diese Arbeit nach wie vor – insbesondere hinsichtlich der abgestimmten und gemeinsamen Zuarbeit, Kommunikation und Diskussion gegenüber der Kommune – als gut ein. Auf Länderebene ist das Conne Island u.a. im Landesverband Soziokultur und dem Netzwerk Tolerantes Sachsen assoziiert.

Baulicher Zustand

Das enge MacherInnen-NutzerInnnen-Verhältnis ist das große Pfand des Conne Island und betrifft ebenso die tief verwurzelte Bindung im Leipziger Süden, kann aber leider nicht den zunehmenden Verfall der Immobilie aufhalten. Hier sieht der Verein dringenden Handlungsbedarf. Die bisherige „Strategie der kleinen Schritte" der Kommune hat sich nicht nur ökonomisch als nachteilig erwiesen, mit ihr ist die aktuelle Sicherung der Immobilie nicht mehr zu gewährleisten. Die teilweise enormen Eigenleistungen – der mehrmalige Cafeumbau, die Renovierung der Büroetage, die Teilsanierung des Infoladens – können nicht beliebig wiederholt werden und sind in diesem Jahr auch eindeutig an Grenzen gestoßen. Der bereits festgestellte Investitionsbedarf – den andere Häuser seit langen geltend gemacht haben – muss dringend eine Umsetzung erfahren. Der aktuelle Zustand, hier insbesondere der schlechte Zustand des Treppenhauses und der obersten Etage, die dringend zu überholenden Sanitäranlagen, die fehlenden Wärmedämmung und teilweise marode Elektrik, die prinzipiell zu niedrige Stromzufuhr und das Fehlen von Sanitäranlagen für KünstlerInnen, gefährdet die reibungslose Fortführung des Kulturbetriebs und verunmöglicht teilweise aufwendige Produktionen. Nach wie vor können Menschen mit körperlichen Einschränkungen weder das Cafe des Conne Islands betreten noch die Sanitäranlagen benutzen.

Im September 2007 wurden endlich Teile des Vorderhauses durch die Kommune trockengelegt. Dies schuf für den Verein die Grundlage – fast ausschließlich mit Eigenmitteln – das Jugendcafe grundlegend zu sanieren.

Ohne ein zeitnahes, prinzipielles und weitreichendes Sanierungskonzept – insbesondere für das Vorderhaus, die Büroräume und den Offenen Treff – ist die perspektivische Nutzung der Immobilie schwer zu gewährleisten.

Projekt Verein e.V., 10. April 2008



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last modified: 8.7.2008